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Im Geländewagen durch Patagonien

Ein Artikel von Wolfgang Vogel, erschienen in der Zeitschrift “OFF Road”, Ausgabe April 1997.

"Ripio" ist der argentinische Ausdruck für Schotterstraße oder Erdweg.  Es gibt davon einige 10000 km im Land und mindestens vier verschiedene Arten von Ripio, vom braunen, harmlosen, der Geschwindigkeiten von über 100 erlaubt, bis zum sUnterwegs auf den Schotterwegencharfkantigen, blauen, der Deine Reifen mürbe macht und den weißen, medizinball- großen Steinen, die halb aus dem Boden ragen und Ölwanne, Spurstange und ähnliche empfindliche Teile akut gefährden.

"No combustibles para los proximos 373 kilómetros" - kein Sprit auf den nächsten 373 Kilometern - lautete das Schild an der Ruta 40, der legendären Panamericana, auf die wir von El Calafate am Lago Argentino kommend gerade eingebogen sind. Die Gesichter und Nasen noch rot vom Gletscherbrand, den wir uns beim Beobachten der mächtigen Eisabstürze des Perito-Moreno-Gletschers, des letzten aktiven noch wachsenden Inlandsgletscher der Erde, geholt hatten, rollen wir in unserem gemieteten Chevy Luv Doppelkabiner über die braune Erdstraße, mächtige Staubfahnen hinter uns herziehend. Bald wird die Piste schlechter, aus dem braunen Boden ragen immer wieder Steine, die mich zum Langsamfahren zwingen, um trotz der 31er Reifen nicht mit empfindlichen Teilen an der Unterseite des Wagens aufzusetzen. Über uns kreist ein Kondor, vor uns kreuzt ein Gürteltier die Piste. Da wir die scheuen Tierchen bisher noch nicht fotografieren konnten, bringe ich den Pickup in einer gewaltigen Staubwolke zum stehen, taste im Staub nach der Kamera, doch bis ich aus dem Wagen bin, sehe ich den Armadillo gerade noch in einem Erdloch verschwinden.

Als ich nach dem Verschwinden des Gürteltieres routinemäßig die Gürtelreifen kontrolliere, höre ich zwischen den heulenden patagonischen Windstößen ein leises "Pffff" vom rechten Hinterrad. Die Lauffläche des ohnehin schon stark malträtierten Reifenpanne, hier mit genügend Ersatzreifenargentinischen Markenreifens erweist sich bei näherer Betrachtung als bereits teilweise abgelöst und die Drähte der Karkasse stehen heraus. Länger als 4000 Kilometer hält auf diesen Pisten ohnehin kein Reifen, wurde uns schon bei unserer Abfahrt vom Vermieter gesagt. Also hole ich wieder mal das Werkzeug von der Ladefläche und ziehe den Ersatzreifen auf. Mit einem ungutem Gefühl im Bauch fahren wir nun auf den verbliebenen vier intakten Pneus sehr vorsichtig weiter, den bis nach Bajo Caracoles, der nächsten Siedlung, sind es noch 250 Kilometer. Und das letzte Auto ist uns heute morgen begegnet. Langsam beginne ich zu begreifen, warum die Leute hier alle mit mindestens zwei Ersatzreifen herumfahren. Mit schwitzenden Händen kurve ich vorsichtig um die größten der allgegenwärtigen scharfen Steine, fahre vorsichtig durch metertiefe Auswaschungen und schleiche über ausgebesserte Streckenteile mit grobem, blauen Schotter, bis endlich nach sechs Stunden die wenigen Häuser von Bajo Caracoles und das ersehnte Schild "Gomeria 24 horas" auftaucht. Gomeria ist der argentinische Name für Reifenwerkstatt, von denen es in jedem Dorf, weil lebenswichtig, mindestens eine gibt. Heute ist allerdings Sonntag und Jorge, der Gomedor, sei auf dem Feld, wird uns an der handbetriebenen Benzinpumpe der Tankstelle mitgeteilt. Aber seit unserer Ankunft haben wir schon einiges über das wichtigste lateinamerikanische Gut, nämlich Geduld, gelernt, und so bricht gegen 22 Uhr schon die Dämmerung herein, als Jorge mit seinem verbeulten, gelben Ford F 250 herangestaubt kommt. An seiner Hüfte baumelt bedrohlich eine 38er; er ist gleichzeitig der Ortspolizist. Nein, einen neuen Reifen kann er uns nicht verkaufen, die gibt es erst 300 Kilometer weiter nördlich in der Stadt Perito Moreno, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Gletscher. Während seine zweijährige Tochter Marisa zwischen den Altreifen herumkriecht und versucht, den zweipfündigen Hammer zu stemmen, zwickt Jorge seelenruhig die herausstehenden Drähte von unserem zum Ersatzreifen degradierten Pneu, zieht einen extrastarken Schlauch ein, pumpt den Reifen mit seinem asthmatischen Kompressörchen auf und entläßt uns nach dem Empfang von 5 Pesos für seine Leistungen (ohne Feiertags- und Nachtzuschlag) mit einem ernstgemeinten "suerte" - viel Glück - zurück auf die Ruta 40.

Begonnen hatte das Abenteuer vor drei Wochen in Buenos Aires, der 11-Millionen Metropole am Rio de la Plata, wo wir nach ausgiebiger Stadtbesichtigung und Besuch der obligatorischen Tango-Show unseren Chevy samt zugehöriger Campingausrüstung gemietet hatten und Richtung "el Sur" aufgebrochen waren, - dem Süden, der für die in Buenos Aires lebenden "portenos" immer noch eine magische Bedeutung hat. Vorbei an den riesigen Estancias der "Pampa humeda", der weiten argentinischen Grassteppe mit ihren berühmten Gauchos samt zugehörigen Rinderherden, ging die Fahrt auf der einzigen (fast) durchgehend geteerten Straße Patagoniens, der Ruta Nacional 3, die über 3063 Kilometer bis nach Ushuaia, der südlichsten  Stadt der Welt auf Feuerland führt. Hinter Bahia Blanca rumpelten wir über die Brücke des Rio Colorado, und ab hier begannen die endlosen Weiten Patagoniens, wo das monotone Geradeaus der Straße nur durch das stündliche Rattern der "guardaganados", der in die Straße eingelassenen Viehgitter und die gelegentlich entgegenkommenden, freundlich aufblendenden und grüßenden "camionistas" in ihren riesigen Viehtransportern unterbrochen wurde.

Unsere erste Begegnung sowohl mit den teerlosen Sandpisten als auch mit der faszinierenden argentinischen Tierwelt hatten wir auf der Halbinsel Valdez. Nach Überwindung einiger Tiefsandlöcher auf der Nebenpiste, die ohne Allrad und gesenkten Reifendruck nicht zu bewältigen gewesen wären, erreichten wir in Puerto Piramides die Bucht, in die alljährlich von April bis Dezember die Glattwale zur Paarung und zur Aufzucht des Nachwuchses kommen. Mit Booten wird man bis auf wenige Meter an die Urweltriesen herangebracht und kann beobachten, wie sie sich mit hochgestellter Schwanzflosse vom allgegenwärtigen Wind treiben lassen. Hier mieteten wir uns zwei Quads, mit denen es ein wahres Vergnügen ist, die Halbinsel auf einem ca. 200 Kilometer langem Rundkurs zu umfahren und dabei die Ruheplätze der wildlebenden Seelöwen und Seelefanten zu besuchen, wo man sich ebenfalls bis auf wenige Meter an die Tiere annähern kann.

Weiter führte uns die Fahrt nach Süden, zu den riesigen Pinguinkolonien von Punta Tombo und Cabo dos Bahias. Als Tourist muß man aufpassen, beim Besichtigen der Brutstätten der Magellanpinguine nicht auf einen der kleinen Oberkellner zu treten, denn diese bauen ihre Brutlöcher teils mitten in die Wege. In Rio Gallegos konnten wir angesichts der dort verkehrenden Schmalspureisenbahn feststellen, daß Mitsubishi Heavy Industries außer guten Geländewagen auch gute Dampflokomotiven gebaut hat, denn 20 Exemplare aus dem Jahr 1956 sind dort heute noch in Betrieb. Bei Monte Aymont passierten wir die Grenzstation nach Chile, wo wir stolz unsere "zeitweilige Genehmigung zur Ausfuhr eines Mietwagens" präsentierten, ein mit unzähligen Stempeln, Unterschriften und notariellen Beglaubigungen versehenes Druckwerk, für das wir in Buenos Aires 80 Dollar hingelegt hatten. Die junge, gutaussehende Zollbeamtin war davon jedoch wenig beindruckt, doch sie ließ uns nach längerdauernder Besprechung mit den Kollegen, Ausfüllen von diversen Formularen und dem üblichen "suerte" ziehen. Auch ihre chilenischen Kollegen machten keine Schwierigkeiten, und so konnten wir am späten Abend noch mit der letzten Fähre nach Feuerland übersetzen. Leider stellte sich heraus, daß man uns wohl doch irgendein wichtiges Formular nicht mitgegeben hatte, denn an der Grenzstation von Sebastian wollten uns die netten Chilenen zunächst nicht wieder in den argentinischen Teil von Tierra del Fuego ausreisen lassen. Doch nach einigem Diskutieren und Beteuern von Unschuld wurde das fehlende Formular plötzlich doch hervorgezaubert und uns glaubhaft versichert, daß wir es wohl an Bord der Fähre verloren hatten.

vor dem Torres del Paine-MassivErleichtert nahmen wir die letzten 300 Kilometer Piste auf dem Weg nach Süden unter die Räder, quälten uns über die alte Paßstraße des Paso Garibaldi am Ufer des Lago Fagnano hinauf, welche, oftmals kaum breiter als unser "camioneta", immer wieder grandiose Ausblicke auf den See und die schneebedeckten Gipfel Feuerlands bot. Schließlich erreichten wir Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt, und 30 Kilometer weiter an der Bahia Lapataia das Ende der Ruta 3 am Ufer des Beaglekanals. Ein besonderes Schmankerl bot schließlich noch der Abstecher über die Ruta H zum wirklich südlichsten anfahrbaren Punkt Argentiniens, der Estancia Moat. Das verwundene, erst 1978 gebaute Sträßchen erwies sich nach dem harten Winter als fast nicht befahrbar, und so mußte unser Chevy mehrmals bis an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit gehen, um uns über Brücken, die nur noch aus zwei hintereinandergelegten Bohlenreihen bestanden, abgerutschte Wegstrecken, durch Furten und zwischen umgestürzten Bäumen sicher zu unserem Ziel zu bringen. Die Mühe wurde belohnt durch einen unvergleichlichen Sonnenuntergang über dem Beaglekanal, den wir allein zwischen Kormoranen und den nur hier vorkommenden  Dampfschiffenten bewundern durften.

Der Rückweg nach Norden führte uns wieder durch Chile, wo wir im Nationalpark Unterwegs im Torres del Paine ParkTorres del Paine Guanakos bei den Paarungskämpfen am Rande der unvergleichlich blauen Gletscherseen beobachten konnten. Über diese Szenerie ragten die mächtigen Gesteinstürmen des Paine-Massivs, zwischen denen immer wieder Kondore kreisten. Der freundliche Guardaparque half uns mit einigen Weinflaschen voll Sprit aus, denn bei unserem begeisterten Herumgekurve auf den gewundenen Parkwegen hatten wir nicht gemerkt, daß unser Dieselvorrat zur Neige ging. Wieder zurück in Argentinien, ging es über die legendäre Ruta 40 nach Norden, immer am Rand der Kordilliere entlang, vorbei am berühmten Perito Moreno - Gletscher, zum schwarzen Gletscher am Fuß des 3554 Meter hohen Tronador. Hier verbrachten wir eine Nacht unter dem prachtvollsten Sternenhimmel, den wir je gesehen hatten, untermalt vom dezenten Donnern der immer wieder aus dem Kontinentaleis auf die Gletscherzunge herabstürzenden Eismassen.

Den krönenden Abschluß der Reise bildete schließlich die Fahrt vom Wintersportort San Carlos de Bariloche nach San Martin de los Andes. Die ersten Regenfälle unserer Reise hatten nämlich die Staubpiste in eine seifige Rutschbahn verwandelt, der an den Steigungen bereits mehrere LKW zum Opfer gefallen waren. Vorsichtig kämpften wir uns um die Hindernisse und durch die Spuren, die die LKW gegraben hatten, und nur den im Chevy gottseidank vorhandenen Sperren haben wir unser Ankommen in den Araukarienwäldern am Fuß des schneebedeckten Lanin-Vulkans zu verdanken. Ab hier hatte uns der Teer wieder und die restlichen 2000 Kilometer flogen wir nahezu über die Schlaglöcher zurück nach Buenos Aires, wo wir nach 10 000 Kilometern und 12 "pinchazos" (Reifenpannen) erschöpft, aber glücklich ankamen. Nach insgesamt fünf Wochen hieß es für uns: "Chau, mi ripio - 'ta luego”

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